14. Februar 2009

weisheit

 

Die Suche nach WEISHEIT hat mich seit jeher fasziniert und angezogen. Seit früher Jugend war für mich fühlbar, dass es so etwas einfach gibt, dass jene Dinge, die über das Alltägliche hinaus gehen und auf das wirklich Wesentliche zielen, dass mich dieses Übergreifende mehr als alles andere anzieht. In meiner Kindheit mag der häufige Rückzug auf mein Inneres und das relativ isolierte Aufwachsen an der Goldauerstrasse in einer göttlich sich entfaltenden Natur – das Mattli, die Wiesenblumen, der Garten, der Bach, der Wasserfall, der Lauerzersee, das Hasenbächlidelta, das Schilf, der Segel, die Berge, der Wald – am meisten dazu beigetragen haben, dass ich ein deutliches Sensorium für diese tiefere und übergreifende Dimension entwickelt habe. Sich in dieser Sphäre zu bewegen, schien mir einfach immer richtiger und wichtiger zu sein. So habe ich das Materielle und das Geldverdienen eigentlich eher als «notwendiges Übel» gesehen, um die Grundlage und den Freiraum zu schaffen für das Übergeordnete.

 

In der Kantizeit haben mich KLASSIKER stets angezogen, weil ich damals schon erkannte, dass sie mir am meisten Hinweise liefern konnten auf das Gute, das Schöne und das Wahre. In der Musik war das MOZART. In der Literatur war es GOETHE. Bei Goethe hat es mich fasziniert, dass dieser immer wieder versucht hat, von gesellschaftlichen Verpflichtungen und beruflichen, nach aussen gerichteten Tätigkeiten loszukommen, um sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Im Literaturunterricht hat mich mehr als alles andere der Satz aus der Aufklärung fasziniert «sapere aude», habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Dies hat mich sehr ermutigt, meinen eigenen inneren Weg zu verfolgen. Selbstverständlich habe ich den Begriff Verstand – wohl eher unbewusst – auch auf Gefühl und Intuition erweitert.

 

Später kam C.G. JUNG dazu. Sein Satz: 

 

«An Wissen sind wir reich geworden,

 

nicht aber an Weisheit.»

 

hat mich sehr in den Bann gezogen. Dieser Satz hat heute – noch mehr als zur Zeit seiner Entstehung – mehr denn je Gültigkeit. Enthält «Wikipedia» mehr Wissen oder mehr Weisheit? Haben Inhalte des WWW mehr Wissen oder mehr Weisheit? Die Fragen sind rhetorisch, die Antwort klar: Auf dem gegenwärtigen Stand des gesellschaftlichen Bewusstseins zählt mehr denn je das was man zählen, messen und wägen kann. Und die Aufgabe ist es dennoch mehr denn je, nach Weisheit zu forschen, diese zu kultivieren und in unser Leben zu bringen. So faszinieren mich die Visionen von KEN WILBER und ECKHART TOLLE, durch Bewusstheit und Spiritualität eine neue Welt zu erschaffen. Dazu würde ich gerne beitragen und mitbauen.

 

Mein Leserbrief «Die Versöhnung von Wissen und Weisheit» in der NLZ vom 11.02.2009 scheint auf eine enorme Resonanz gestossen zu sein. In den ersten Februartagen erschien in der Luzerner Zeitung ein Wochenendartikel zum Thema Darwinismus, der mich zu diesem Leserbrief angeregt hatte:

 

«Im Dossier wird das Verhältnis von Wissenschaft und Religon thematisiert. Damit wird der thematische Rahmen über das Alltägliche hinaus erweitert, wie wir das von einer Wochenendzeitung auch erwarten. Die Meinungen zum Darwinismus widerspiegeln den (repräsentativen?) Bewusstseinsstand einiger Zeitgenossen. Wenn ein dreizehnjähriger Kantischüler der Meinung ist, dass religiöse Konzepte nur noch dort benötigt werden, wo die wissenschaftliche Forschung noch keine Erklärung gefunden hat, dann können wir diese beschränkte Sicht aufgrund seines Alters noch nachvollziehen. Dass aber Dr. Christoph Schmitt, Dozent für Religion und Ethik, das sang- und klanglose Verschwinden von religiösen Vorstellungen bei seinen Schülern feststellt und dem anscheinend nichts entgegen zu halten hat, ist doch sehr erstaunlich. Vorschlag an Herrn Schmitt: Holen Sie Ken Wilber ins Boot. Ken Wilber gehört zu den genialsten Denkern unserer Zeit und wurde auch schon als Einstein der Bewusstseinsforschung bezeichnet. Bereits vor über zehn Jahren ist sein Werk ‘Naturwissenschaft und Religion’ erschienen, welches die Versöhnung von Wissen und Weisheit thematisiert. Zitat von Ken Wilber: ‘Die Griechen hatten ein wunderschönes Wort – Kósmos – für das gemusterte Ganze alles Existierenden, einschliesslich der physischen, emotionalen, mentalen und spirituellen Bereiche. Doch wir armen modernen Menschen haben den griechischen Kosmos auf ein leeres Universum reduziert, haben Materie, Körper, Denken, Seele und Geist auf Materie allein reduziert, und in dieser eintönigen und trostlosen Welt des wissenschaftlichen Materialismus werden wir von der Vorstellung eingelullt, eine Theorie, die die physischen Dimensionen erklärt, wäre tatsächlich eine Theorie von allem. Akzeptieren Sie nur eine Erklärung des Universums, in der sowohl Bewusstsein als auch Materie vorkommen. ’«

 

 

Richard Brusa
Gipfelgefühl und Gipfelsicht vom Brisen in Richtung Buochserhorn, Rigi, Bürgenstock