ken wilber

Naturwissenschaft und religion

die Versöhnung von wissen und weisheit

 

Kurzbeschreibung


Die Naturwissenschaft - so die Ausgangsthese von Wilber in diesem Buch - ist eine der profundesten vom Menschen entwickelten Methoden zur Entdeckung von Wahrheit, während die Religion die einzige große Kraft zur Erschaffung von Sinn und Wert ist. Doch diese beiden enormen Kräfte, die für das Schicksal der Menschheit von solch zentraler Bedeutung sind, befehden sich in der modernen Welt erbittert. Beide Seiten tendieren dazu, einander die existentielle Bedeutung für das menschliche Leben abzusprechen. Sinn- und Werteverlust in einer von der Technologie beherrschten Welt einerseits sowie fundamentalistische Tendenzen und Sektenunwesen im Bereich der Religion andererseits sind nur einige der fatalen Konsequenzen dieser allgegenwärtigen Trennung zwischen Naturwissenschaft und Religion.

Die aus diesem Zerwürfnis resultierende kulturelle Krise zu überwinden, ist eine der großen Aufgaben der Menschheit an der Schwelle zum 3. Jahrtausend. In diesem wegweisenden Buch zeigt Ken Wilber auf, wie eine Integration von Wissenschaft und Religion, die für beide Seiten akzeptabel ist, zu bewerkstelligen wäre. Dazu gilt es nicht nur, die Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft klar zu erkennen, sondern auch den Dissens der Religionen untereinander zu überwinden. Denn eine echte Integration ist nur möglich, wenn es einen kulturübergreifenden und die historischen Ausdrucksformen transzendierenden gemeinsamen Kern der Religionen und Weisheitstraditionen gibt, der zudem noch mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften vereinbar ist. Daß es diesen Kern wirklich gibt und wie er zum Angelpunkt eines integrativen Weltverständnisses werden kann, zeigt Wilbers scharfsinnige Analyse auf.

 

Einige Kostproben aus dem Buch

Es gibt wohl in der modernen Welt kein bedeutsameres und drängenderes Thema als das Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Die Naturwissenschaft ist zweifellos eines der tiefgründigsten Verfahren, die die Menschheit bisher entwickelt hat, um Wahrheit zu entdecken, während Religion diejenige Kraft ist, die wie keine andere Sinn stiftet. Wir brauchen Wahrheit und Sinn, Wissenschaft und Religion – aber wir wissen nicht, wie man beides in einer Weise zusammenführt, die von beiden Seiten aktzeptiert wird. Die Versöhnung von Wissen und Religion ist nicht nur von flüchtigem akademischem Interesse. Diese beiden gewaltigen Kräfte, Wahrheit und Sinn, liegen in der heutigen Welt in heftigem Widerstreit miteinander.    (S. 17)

Die Wissenschaft hat jenen aussergewöhnlichen weltweiten und globalen Rahmen geschaffen, der frei von jeglichem Sinn ist, und in diesem ubiquitären Rahmen haben subglobale Nischen der prämodernen Religion Milliarden von Menschen in allen Teilen der Welt Wert und Sinn gegeben. Zugleich bestreiten diese prämodernen Religionen dem naturwissenschaftlichen Rahmen, in dem sie leben und der den grössten Teil ihrer Medizin, ihrer Wirtschaft, ihres Bankwesens, ihrer Informations-netze, ihres Verkehrs- und Kommunikationswesens bereitstellt, oft jegliche Gültigkeit. Religiöser Sinn versucht sich innerhalb des wissenschaftlichen Wahrheitsgerippes zu behaupten, wobei er oft den naturwissenschaftlichen Rahmen als solchen bekämpft. Dies ist freilich die Haltung des Menschen, der munter an dem Ast sägt, auf dem er selbst sitzt.

Die Abneigung ist gegenseitig, denn auch die moderne Wissenschaft verwirft gelassen praktisch alle Grundaussagen der Religion im allgemeinen. Der typischen Auffassung der modernen Naturwissenschaft zufolge ist Religion wenig mehr als ein Überbleibsel aus der Kindheit der Menschheit, dem so viel Wirklichkeitsgehalt zukommt wie, sagen wir, dem Weihnachtsmann.

Dies ist also die bizarre Struktur der heutigen Welt: ein naturwissenschaftlicher Rahmen globaler Spannweite mit alles umfassenden Informations- und Kommunikationsnetzen bildet ein sinnfreies Skelett, in dem Hunderte subglobaler, prämoderner Religionen für Milliarden von Menschen Sinn und Wert schaffen, und beide, Wissenschaft und Religion, bestreiten dem jeweils anderen Signifikanz oder überhaupt Wirklichkeitsgehalt. Das ist ein massiver und schwerwiegender Riss in den inneren Organen der heutigen Weltkultur, und aus diesem Grund glauben viele Gesellschaftsanalytiker, dass die Zukunft der Menschheit zumindest unsicher ist, wenn nicht die Versöhnung zwischen Naturwissenschaft und Religion in welcher Form auch immer zustande kommt.            (S. 19)

 

Dieses Buch will einen Vorschlag machen, wie man zu einer Auffassung von Wissenschaft und Religion kommen kann, die beiden Seiten gerecht wird und zu ihrer Versöhnung und schliesslichen Integration hinzuführen vermag.     (S. 19)

 

Bevor also überhaupt nur der Versuch einer Integration von Wissenschaft und Religion unternommen werden kann, ist zu prüfen, ob sich in den grossen Weisheitstraditionen der Welt ein gemeinsamer Kern finden lässt. Dieser gemeinsame Kern würde einen allgemeinen Rahmen bilden, der unter Weglassung von Details und konkreten Inhalten von den meisten religiösen Traditionen zumindest abstrakt akzeptiert werden könnte.           (S. 21)

 

Das Aufkommen der Moderne im Westen führte zum fast völligen Untergang der Grossen Kette des Seins. Wie wir noch sehen werden, war der moderne Westen nach der Aufklärung die erste bedeutende Zivilisation in der Geschichte der Menschheit, die die Existenz der Grossen Verschachtelung des Seins mehr oder weniger vollständig leugnete.     …….     Damit trat an die Stelle der Grossen Kette, die von der Materie bis zu Gott reichte, die Materie allein. So wurde die als wissenschaftlicher Materialismus bezeichnete Weltsicht ganz oder teilweise zur vorherrschenden offiziellen Philosophie des modernen Westens.    (S. 25)

 

Aus der Wissenschaft wurde ein Szientismus, ein wissenschaftlicher Materialismus und Imperialismus, der sich bald zur beherrschenden „offiziellen“ Weltsicht der Moderne aufschwang. Dieser wissenschaftliche Materialismus erklärte sehr bald die anderen Wertsphären für wertlos, unwissenschaftlich, illusorisch oder zu noch Schlimmerem.                        (S. 29)

 

In eben diese massive und universelle Leugnung wollen wir nun die spirituelle Dimension wieder einführen, und zwar zu Bedingungen, die auch für die Naturwissenschaft akzeptabel sind.

Integration von Religion und Naturwissenschaft heisst Integration einer prämodernen Weltsicht mit einer modernen Weltsicht. Wenn diese Integration ohne zu „mogeln“ möglich ist, also ohne Religion einerseits und Wissenschaft andererseits in einer Weise zu dehnen und zu deformieren, dass sie sich selbst nicht mehr erkennen, dann wäre dies eine Integration, die beide Seiten wahrhaftig annehmen könnten. Eine solche Synthese würde die besten Teile der prämodernen Weisheit mit den glanzvollsten Erkenntnissen der modernen Wissenschaft vereinen und Wahrheit und Sinn in einer Weise zusammenführen, wie sie das moderne Denken bisher noch nicht erwogen hat.                                               (S. 30)