ken Wilber

Einfach  "das"

Tagebuch eines ereignisreichen jahres

Warum gehört "Einfach DAS" zu meinen am meisten favorisierten Büchern überhaupt? - Weil wir in diesem Buch der Persönlichkeit und der Seele dieses wahrscheinlich bedeutendsten lebenden Philosophen näher kommen, sehr nahe kommen, und weil er uns immer wieder in jene unendliche Sphäre der Zeitlosigkeit und der Raumlosigkeit führt. In diesem Sinne ist es ein Meditationsbuch und somit eine hervorragende Einschlaflektüre.

 

Ein paar interessante und inspirierende Textstellen:

Aus dem Vorwort: Letztlich ist dies aber doch eher ein philosophisches Tagebuch: es handelt in erster Linie von Ideen, und zwar insbesondere von solchen Ideen, die um die Sonne der Philosophia perennis kreisen, den gemeinsamen Kern der grossen Weisheitstraditionen der Welt. In einem Teilbereich jedoch ist dies ein überaus persönliches Tagebuch, nämlich dort, wo ich ausführliche Beschreibungen der Meditationspraxis und verschiedener mystischer Zustände auf der Grundlage meiner eigenen Erfahrungen gebe. Wer darüber hinaus noch mehr Persönliches erfahren möchte, dem empfehle ich die Lektüre von Mut und Gnade.  (S. 7)

 

Wenn dieses Tagebuch ein Thema hat, dann ist es der Gedanke, dass Körper, Seele und Geist sich nicht gegenseitig ausschliessen. Die Begierden des Fleisches, die Ideen des Geistes und die Erleuchtungen der Seele sind jeweils auf ihre Weise vollkommener Ausdruck des strahlenden GEISTES, der allein in der Welt wohnt, sublime Gesten einer grossen Vollkommenheit, die allein über der Welt leuchtet. Es gibt nur Einen Geschmack im ganzen Kòsmos, und dieser Geschmack ist das Göttliche, ob es im Fleisch, in der Seele oder im Geist aufleuchtet. Wer in diesem Einen Geschmack ruht und so über das Irdische hinausgehoben ist, für den erhebt sich die Welt in reinster Freiheit und strahlender Befreiung.  (S. 8)

 

27. Januar:  Ich (Jack Crittenden) habe Ken Wilber einmal gefragt, wie er selbst seine Arbeit sieht, und er antwortete mir: „Sie ist vielleicht eine der ersten glaub-würdigen weltumspannenden Philosophien, eine wirkliche Zusammenfassung von Ost und West, Nord und Süd.“  Ganz in diesem Sinne äusserte sich vor kurzem der bekannte Religionswissenschaftler Huston Smith: „Niemand, auch nicht Jung, hat so wie Wilber die westliche Psychologie für die überdauernden Einsichten der grossen Weisheitstraditionen der Welt sensibilisiert. Langsam, aber sicher, Buch um Buch, legt Wilber die Grundlagen einer echten west-östlichen Psychologie.“  (S. 31)

 

11. Februar: Jedenfalls beinhaltet Authentizität immer eine unabweisbare Forderung und Verpflichtung: Man muss sich nach besten Kräften äussern, am Baum der Spiritualität rütteln und sein starkes Licht in die Augen der Selbstgefälligen lenken. Man muss diese radikale Erkenntnis in seinen Adern vibrieren lassen und die Menschen in seiner Umgebung erschüttern. Wenn man dies nicht tut, begeht man Verrat an seiner eigenen Authentizität. Man verleugnet seinen wahren Stand. (S. 52)

 

07. März: Ein Postsack von Shambhala mit den Briefen des letzten Monats. Etwa ein Viertel der Briefe, die ich bekomme, beziehen sich immer noch auf Mut und Gnade; bisher habe ich über 800 Briefe erhalten. Ich versuche, möglichst viele von ihnen zu beantworten, weil sie so tief bewegend sind. Als ich Mut und Gnade schrieb, nahm ich an, dass vielleicht ein Jahr lang eine Flut von Briefen käme, die dann nachlassen würde. Aber die Briefe kommen nach wie vor, jeden Monat Dutzende, deren Inhalt mir sehr nahe gehen.   (S.62)

 

Ich war überrascht darüber, wie viele Paare mir schreiben, dass sie das Buch einander vorlesen. Ich habe ja ausführlich aus Treyas Tagebüchern zitiert, um sie selbst zu Wort kommen zu lassen, und vielleicht wechseln sich deshalb die Paare beim Lesen ab. Ich hatte dies nicht erwartet, aber der Gedanke rührt mich, dass Liebende unsere gemeinsame Erfahrung und Treyas Tod benutzen, um einander ihre Liebe zu Lebzeiten auszudrücken – und nicht zu warten, bis es zu spät ist, die liebevollen Dinge zu sagen, die jetzt gesagt werden müssen.   (S.68)

 

25. Mai: Sie sagten, dass Sie angegriffen wurden, weil Sie für eine integrale Sichtweise eintraten? – Ja. Da ist noch ein anderes Problem. Über den Daumen gepeilt kann man sagen, dass die meisten Menschen nicht bereit sind, ihre gegenwärtigen Auffassungen jeweils um mehr als etwa 5% zu ändern. Wenn man sie also mit einer völlig neuen Sichtweise überrumpelt, kann es leicht geschehen, dass sie sich verschliessen. Vielleicht werden sie wütend und ausfällig; sie sagen, dass man kein Mitgefühl hätte, dass man arrogant sei und dergleichen mehr. ……Wenn man wirklich helfen will – echtes Mitgefühl –  , dann gibt man nicht mehr auf den Löffel, als jemand schlucken kann, okay?

Warum empfinden so viele Menschen eine integrale Sichtweise als so bedrohlich? – Nun, sie verlangt praktisch immer eine Veränderung der bisherigen Überzeugungen um mehr als 5%, und dazu sind die wenigsten bereit.   (S. 131)

 

12. Juni: Was machen Sie genau?............... – Wenn ich schreibe, ist es etwas anders. Ich arbeite sehr schnell, in einer Art verändertem Bewusstseinszustand, in dem ich Informationen ungeheuer schnell verarbeite. Manchmal gibt es auch Fünfzehn-Stunden-Tage. Natürlich ist es sehr anstrengend, physisch anstrengend, und das ist der Hauptgrund, warum ich mit Hanteltraining begonnen habe.

Wie lange schreiben Sie an einem Buch? – Meist ist es so, dass ich ein Jahr lang einige hundert Bücher lese, und dabei entsteht ein Buch in meinem Kopf; ich schreibe das Buch in meinem Kopf. Dann setze ich mich hin und tippe es in meinen Computer, was meist zwei bis drei Monate dauert.  (S.154)

 

16. August: Liebe zu einem bestimmten Menschen hat etwas Strahlendes, wenn sie in der Leerheit entsteht. Es ist immer noch Liebe, die immer noch intensiv persönlich und auf diesen bestimmten Menschen gerichtet bleibt, aber es ist eine Welle, die sich aus einem Ozean der Unendlichkeit erhebt. Es ist, wie wenn ein grosses Meer der Liebe eine Welle hervorbrächte, und diese Welle trägt in jedem ihrer brechenden Kämme die Kraft und die Erregung des ganzen Meeres. Es ist eine Empfindung wie bei einem Sonnenaufgang in der Wüste: In einer weiten, offenen, klaren, blauen Geräumigkeit erhebt sich am Horizont ein intensives gelbrotes Feuer. Man ist der unendliche Himmel der Liebe, an dem sich ein einzelner Feuerball persönlicher Liebe erhebt.

Eines ist gewiss: Unendliche und persönliche Liebe schliessen einander nicht aus – letztere ist nur eine einzelne Welle in einem unendlichen Ozean.  (S. 247)

 

18. August: Habe gerade mit Professor Sara Bates telefoniert, die Eine kurze Geschichte des Kosmos und Das Wahre, Schöne, Gute in ihren Vorlesungen über Kunst und die Kultur der Eingeborenen benutzt. Sie lehrt in Florida, hat aber zurzeit eine Gastprofessur an der Universität San Franzisco, von wo aus sie mich anrief. Sara ist Cherokee-Indianerin; sie hat mit zwei Freundinnen, einer Hopi und einer Mojave, eine Diskussionsgruppe gegründet, die sich mit Fragen der Kulturwissenschaften, der Religion, der Kunst und der Ureinwohner befasst. Sie ziehen meine Arbeiten heran, weil sie, wie sie sagt, kulturübergreifend und integral sind.    (S. 248)

 

11. November: Wir haben heute umfassende Belege dafür, dass die Meditation zwar nicht die grundlegenden Stadien der Entwicklung des Bewusstseins verändert, aber diese Entwicklung wesentlich beschleunigt. Meditation beschleunigt die Evolution, die Erinnerung und die Wiederentdeckung des GEISTES.  (S. 353)

 

29. Dezember: Einmal alle 24 Stunden lässt man seine egoistische Identität vollständig fallen, und zwar nicht als abstrakte Übung, sondern ganz konkret. Jede Nacht ist man im traumlosen Tiefschlaf wieder in das formlose Reich eingetaucht, in das Reich des reinen Bewusstseins ohne Objekt, in das Reich des formlosen, zeitlosen Selbst.             ( S. 452)