Johann Wolfgang von goethe

28. August 1749 - 22. März 1832

Willst Du Dir ein gut Leben zimmern,

Musst um's Vergangne Dich nicht bekümmern,

Und wäre Dir auch was verloren,

Erweise Dich wie neu geboren.

Was jeder Tag will? sollst Du fragen,

Was jeder Tag will wird er sagen!

Musst Dich an eignem Tun ergötzen,

Was Andre tun, das wirst Du schätzen,

Besonders keinen Menschen hassen,

Und das Übrige Gott überlassen.  

                                    Goethe, 25. Oktober 1828

 

 

 

 

 

 

Tun und Denken - Denken und Tun;

das ist die Summe aller Weisheit.

 

 

 

 

 

 

Frei will ich sein,

im Denken und im Dichten.

Im Handeln schränkt die Welt genug uns ein.

 

 

 

 

 

Es nützt nichts zu wollen, man muss es tun.

Es nützt nichts zu wissen, man muss es anwenden.

 

 

 

  

 

 

Aller Anfang ist leicht;

die letzten Stufen werden am

schwersten und seltensten erstiegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn ihr's nicht erfühlt,

ihr werdet's nicht erjagen.

 

 

 

 

 

 

 

Gefühl ist alles - 

Name ist Schall und Rauch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Es irrt der Mensch,

so lang er strebt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer immer strebend sich bemüht,

den können wir erlösen.

 

 

 

 

 

 

Dieses berühmte und berührende Goethe-Gedicht hat der Autor im Jahr 1829, also im 80. Altersjahr verfasst:

 

 

 

VERMÄCHTNIS

 

 

 

Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!

 

Das Ew'ge regt sich fort in allen,

 

Am Sein erhalte dich beglückt!

 

Das Sein ist ewig: denn Gesetze

 

Bewahren die lebend'gen Schätze,

 

Aus welchen sich das All geschmückt.

 

 

 

Das Wahre war schon längst gefunden,

 

Hat edle Geisterschaft verbunden;

 

Das alte Wahre, faß' es an!

 

Verdank' es, Erdensohn, dem Weisen,

 

Der ihr, die Sonne zu umkreisen,

 

Und dem Geschwister wies die Bahn.

 

 

 

Sofort nun wende dich nach innen,

 

Das Zentrum findest du dadrinnen,

 

Woran kein Edler zweifeln mag.

 

Wirst keine Regel da vermissen:

 

Denn das selbständige Gewissen

 

Ist Sonne deinem Sittentag.

 

 

 

Den Sinnen hast du dann zu trauen,

 

Kein Falsches lassen sie dich schauen,

 

Wenn dein Verstand dich wach erhält.

 

Mit frischem Blick bemerke freudig,

 

Und wandle sicher wie geschmeidig

 

Durch Auen reichbegabter Welt.

 

 

 

Genieße mäßig Füll und Segen,

 

Vernunft sei überall zugegen,

 

Wo Leben sich des Lebens freut.

 

Dann ist Vergangenheit beständig,

 

Das Künftige voraus lebendig,

 

Der Augenblick ist Ewigkeit.

 

 

 

Und war es endlich dir gelungen,

 

Und bist du vom Gefühl durchdrungen:

 

Was fruchtbar ist, allein ist wahr;

 

Du prüfst das allgemeine Walten,

 

Es wird nach seiner Weise schalten,

 

Geselle dich zur kleinsten Schar.

 

 

 

Und wie von alters her im stillen

 

Ein Liebewerk nach eignem Willen

 

Der Philosoph, der Dichter schuf,

 

So wirst du schönste Gunst erzielen:

 

Denn edlen Seelen vorzufühlen

 

Ist wünschenswertester Beruf.

 

                

 

                 Johann Wolfgang Goethe / 1829