KEN WILBER

EROS  KOSMOS  LOGOS

eINE jAHRTAUSEND-vISION

 

Mein Ansatz besteht darin, mich solcher von breiter Zustimmung getragener Orientierungs-Verallgemeinerungen aus den verschiedensten Wissenszweigen – von der Physik über die Biologie und Psychologie bis hin zur Theologie – zu bedienen und sie gleichsam auf eine Schnur zu reihen. So kommen wir zu erstaunlichen und häufig profunden Schlussfolgerungen, die, so unglaublich das mitunter erscheinen mag, nichts anderes denn bereits als gesichert geltendes Wissen darstellen. Die Perlen des Wissens sind bereits akzeptiert; wir brauchen jetzt nur noch den Faden, um sie zu einer Halskette aufzureihen. Die Kosmos-Trilogie ist ein Versuch, solch eine Halskette anzufertigen.  S.12

 

Wo ist der GEIST in dieser Gott-verlassenen, Göttin-verlassenen Welt der Moderne? Warum zerstören wir Gaia in dem Bemühen, unsere eigene Lage zu verbessern? Weshalb sind so viele Heilsbestrebungen selbstmörderisch? Wo ist unser Platz in diesem Kósmos? Inwiefern sind wir ganze Individuen, die zugleich auch Teile von etwas Grösserem sind?   S.13

 

Eine seltsame Welt ist das. Vor um die fünfzehn Milliarden Jahren, vorher war absolut nichts, platzte offenbar in weniger als einer Nanosekund das materielle Universum ins Dasein.

Noch seltsamer ist, dass die so entstandene Materie kein konturloser chaotischer Brei war, sondern sich zu immer komplexer verschachtelten Formen ordnete. So komplex waren diese Formen, dass manche von ihnen Jahrmilliarden später fähig wurden, sich selbst zu reproduzieren, und so ging aus Materie das Leben hervor.

Und das ist noch lange nicht das Allerseltsamste, denn diesen Lebensformen genügte es offenbar nicht, sich zu reproduzieren; vielmehr traten sie den Weg einer langen Evolution an, die ihnen schliesslich erlaubte, sich nicht allein zu reproduzieren, sondern auch zu repräsentieren, das heisst, Zeichen und Symbole und Begriffe hervorzubringen. So ging aus dem Leben der Geist hervor.

Hinter diesem Evolutionsprozess, was auch immer man sonst in ihm sehen mag, scheint ein ungeheurer Antrieb gestanden zu haben – von der Materie zum Leben zum Geist.

Aber noch viel seltsamer: Vor gerade mal ein paar Jahrhunderten wurde die Evolution auf einem kleinen, kaum bemerkenswerten Trabanten eines unbedeutenden Sterns ihrer selbst bewusst.

Und von genau diesem Zeitpunkt an begann eben das, was der Evolution ihrer selbst bewusst zu werden erlaubte, auf seinen eigenen Untergang hinzuarbeiten.

Und das ist das Allerseltsamste.   S.19

 

Darwin und manchen anderen fiel auf, dass es auch hier in der Biosphäre einen Zeitpfeil gibt. Die Evolution ist irreversibel. Wir können verfolgen, wie aus Amöben irgendwann Affen werden, aber wir werden nie erleben, dass aus Affen Amöben werden. Die Evolution schreitet unumkehrbar zu mehr Differenzierung und Integration, mehr struktureller Organisation und mehr Komplexität fort. Die Richtung ist immer hin zu einem Mehr an Ordnung.   S.29

 

Der materielle Reduktionismus   S.30f

 

Physiosphäre und Biosphäre hatten sich getrennt, und die Welt erlitt einen tiefen Bruch. Das führte unmittelbar dazu, dass Physik und Biologie jetzt ihre eigenen Wege gingen. Schlimmer war, dass die Naturphilosophie sich von der Moralphilosophie lossagte und eine Kluft zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften entstand.    S.31

 

 

 

rb / Arbeitsstand im März 2026