01. August 2021

Über  spiritualität  und  politik

Richard Brusa
Traumpanorama von der Schrattenflue - hinten: Rosenhorn, Mittelhorn, Wetterhorn, Schreckhorn, Finsteraarhorn

 

«Wenn Sie und ich in unser Inneres schauen, finden wir eine andere Welt vor, keine Welt von Bits und Bytes und imaginären digitalen Einheiten, sondern eine Welt von Bildern und Vorstellungen, von Hunger und Schmerz, von Gedanken und Wahrnehmungen, Wünschen und Begierden, Absichten und Abneigungen, Hoffnungen und Ängsten. Und wir erkennen diese inneren Daten unmittelbar und direkt: Sie sind uns einfach gegeben, sie sind einfach da, sie tauchen einfach auf, und wir gewahren sie in dem Umfang, wie wir sie gewahren möchten.»                                                                            (Ken Wilber, Das Wahre, Schöne, Gute - S.30)

 

Im Vorspann zu diesem epochalen Buch «Das Wahre, Schöne, Gute» von Ken Wilber befindet sich dieser kurze und bemerkenswerte Aufsatz «Über Gott und Politik». Dabei geht es um die Kernfrage, die seit Jahren noch keinen Millimeter an Aktualität verloren hat: Wie kann man den liberalen Geist der Moderne mit einer echten Spiritualität verbinden?

 

Ken Wilber schreibt, dass es bisher keine brauchbaren Ansätze zur Verbindung dieser beiden Stränge menschlichen Strebens gegeben hat und dass im Gegenteil, der moderne Liberalismus als Gegenbewegung zur traditionellen Religion entstanden ist. Und dass somit Religion weitgehend dem konservativen Lager überlassen wurde. Dann schreibt er diesen Satz, den ich nur ungefiltert wiedergeben kann: «Niemand wird in Frage stellen wollen, dass der Liberalismus sehr viel Gutes bewirkt hat. Die Kehrseite war allerdings, dass nur allzu oft religiöse Tyrannei schlicht durch ökonomische Tyrannei ersetzt wurde und der Gott des allmächtigen Geldes an die Stelle des Gottes des Papstes trat. Die Seele konnte jetzt nicht mehr von Gott zerbrochen werden, dafür aber von der Fabrik. Das Wichtigste im Leben war nicht mehr die Beziehung zum Göttlichen, sondern vielmehr die Beziehung zum eigenen Einkommen. Und so konnte es mitten im wirtschaftlichen Überfluss geschehen, dass die Seele langsam verhungerte.»

 

Und wo stehen wir heute in dieser Frage nach Spiritualität und Politik? Sind wir wirklich wesentliche Schritte weitergekommen? Ist es nicht so, dass die deutliche Dominanz der Ökonomie und der Ratio die Welt genau zu jenem Ort gemacht hat, die sie heute ist? Dass unser Festhalten am sakrosankten Wachstumsparadigma und damit die hemmungslose Überbeanspruchung der begrenzten irdischen Ressourcen die Welt und die Natur aus dem Gleichgewicht zu hebeln droht? Dass eine innere Leere zu einem sorglosen hedonistischen Konsumverhalten führt?

 

Zu den schwerwiegenden Schattenseiten der Moderne gehören eine einseitig materialistische und monetäre Orientierung, die bei jedem Einzelnen beginnt und sich ausweitet bis zu einem dysbalancierten Wirtschaftssystem, wo Wachstum und Profit die höchsten Maximen sind und wo das Wohl von Mensch und Natur überlagert und in die zweite Priorität verschoben wird. Es prüfe jeder selber bei sich, in seinem Umfeld oder im öffentlichen politischen Diskurs, wie weit diese Aussage zutrifft. 

 

Das eingangs erwähnte Buch von Ken Wilber erschien im Original im Jahr 1997 und auf Deutsch im Jahr 2000. Es trägt den bedeutungsschweren Untertitel «Geist und Kultur im 3. Jahrtausend». Das Hauptanliegen der integralen Philosophie ist, einer gereiften Form von Spiritualität und Innerlichkeit auf allen Ebenen wieder zu ihrem wahren Stand zu verhelfen. Rund 20 Jahre später können wir festhalten, dass noch ein weites Wegstück vor uns liegt, um nur in die Nähe der Verwirklichung einer wahrhaft umfassenden und integralen Zukunft zu kommen. Es scheint jedoch so, dass immer mehr Menschen in ihren Herzen spüren, dass die Zeit reif ist, für neue Ansätze, für ein neues Denken, für die Idee, die Welt neu zu denken (Maja Göpel, «Die Welt neu denken», Der Megabestseller erschien im Juni 2021 in der 18. Auflage). Für die Frage, wie wir wirklich leben wollen.

 

Der Mensch ist ein spirituelles Wesen. Keine Ideologie der Welt kann das unter den Tisch wischen. Und dennoch ist es bis heute noch nicht gelungen, reife und allgemein anerkannte Formen von spirituellen Anwendungen zu etablieren und in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik breit zu verankern. Nach meiner Meinung liegt hier die essentielle Ursache für den aktuellen Zustand der Welt, für soziale und ökologische Dissonanzen. Und gleichzeitig liegt hier der Schlüssel, um die Dinge in eine bessere Richtung zu drehen: zu mehr Inklusion, mehr Schönheit, mehr Wahrhaftigkeit, mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit.

 

Vor kurzem schrieb der integrale Luzerner Autor Gary Zemp diesen schönen Text: «Es ist offensichtlich die Stunde des alle Perspektiven umfassenden integralen Bewusstseins, die Welt, die Menschheit und die Natur neu zu beobachten, neu zu denken und aus der Fülle zu beurteilen. Es ist Zeit für die aus der Zukunft agierende integrale politische Partei und Bewegung als Vordenkerin an die Öffentlichkeit zu treten. Es ist Zeit für die Integrale Politik, der Gesellschaft als Speerspitze der Veränderung zu dienen, hin zu mehr gelingenden Beziehungen, hin zu mehr Ganzheit, mehr Dienst am Leben, mehr Liebe. Das sind nicht einfach an die Plakat-Wand gemalte Ziele einer zukünftigen integral bestimmten Gesellschaft, diese Eigenschaften entspringen dem Selbstverständnis jedes integral bewussten Mitmenschen.

Für die Integrale Politik ist der Zeitpunkt gekommen, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Denn sie ist die einzige politische Organisation, die vollkommen anders als die bestehenden Parteien die gesellschaftlichen Aufgaben zu lösen versucht, indem sie sie nach der Zukunft ausrichtet. Sie korrigiert nicht die Vergangenheit, sondern sie visioniert die ganzheitlich gedachte Zukunft und untersucht, ob ein politischer Lösungsansatz in Richtung der Vision, des integralen Zukunftsbildes führt.»  

 

 

Weiterlesen:

 

Ken Wilber: «Das Wahre, Schöne, Gute»

 

Maja Göpel: «Die Welt neu denken»                     Maja Göpel live (Erich Fromm-Preisverleihung)

 

Gary Zemp: «Die Zeit ist reif für integrale Politik»

 

Über das neue Buch von Tilmann Haberer: "Von der Anmut der Welt"

 

 

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